Donnerstag, 23. April 2009

Relativ wichtig

In den letzten Tagen gab es sehr viele verschiedene Themen, die mich umgetrieben haben - die meisten davon kamen unerwartet auf mich zu.

So blieben zum Beispiel die Unterhaltszahlungen für meine Tochter aus - ich habe das Gespräch mit ihrem Vater gesucht, es war eines von der so unerfreulichen Sorte, dass die 15min mir für's nächste Jahr sicherlich reichen. Das ganze ist ärgerlich - und auch ungerecht - aber die Welt wird davon nicht untergehen - auch nicht meine.

Auf Arbeit erzählte ein Kollege von seinen Einsätzen bei "Ärzte ohne Grenzen" und zeigte in einem weitern Nachtdienst in einer ruhigen halben Stunde eine sehr informative und eindrückliche Präsentation der Arbeit.
Ich denke schon lange daran herum, was ich mit meinem Leben anfange, wenn meine Tochter dann aus dem Haus ist. Ich bin jung schon Elternteil gewesen und habe Verantwortung getragen -ich bin noch jung, wenn ich wieder nur für mich selbst verantwortlich bin. Schon immer schwebte so als vage Idee so etwas wie Ärzte ohne Grenzen in meinem Kopf herum, aber ich habe mich nie genauer informiert, weil die Zeit bis dahin immer so lange schien. Dieser Vortrag hat mich jetzt aus den vagen Träumereien gerissen und das Nachdenken über das was ich mit meinem Leben anfangen will wieder in Gang gesetzt.
Was ich erfahren habe war weitab von romantischem "Helfen" - sondern hatte viel zu tun mit viel Einsatzbereitschaft, viel Realismus und auch einer gehörigen Portion Mut der Heimat und den damit verbundenen Bequemlichkeiten für mehrere Monate den Rücken zuzukehren.

Eine Bedingung um überhaupt bei Ärzte ohne Grenzen arbeiten zu können ist z.B. Reiseerfahrung, womit nicht das 5 Sterne-Hotel auf dem Malediven gemeint ist. Also habe ich ein wenig rescherschiert und bin auch auf einige Angebote für Kurzeinsätze gestoßen. Aufgrund der etwas reduzierten finanziellen Lage (siehe oben) habe ich dies für dieses Jahr ad acta gelegt, zumal es mit Impfungen, Visa und ähnlichem für Ende Juni sowieso etwas knapp geworden wäre. Aber ich möchte es für nächstes Jahr ins Auge fassen - dann kann ich auch meinen Urlaub danach planen.

Eigentlich wiederspricht dies meinen unklaren Vorstellungend davon irgendwie Karriere zu machen - aber ein Hilfseinsatz im Urlaub ist noch keine Verpflichtung irgendetwas weitergehendes in der Richtung zu tun. Vielleicht ist mir danach auch klar, dass ich den Kulturschock, die räumliche und zeitliche Nähe mit anderen in einem Projekt oder einfach das Heimweh auf Dauer nicht verarbeiten kann oder möchte. Aber dann hätte ich zumindest eine Erfahrung gemacht.

Beim Suchen nach solchen Einsatzmöglichkeiten für maximal 4 Wochen bin ich dann auf Kurzeinsätze in Indien gestoßen, die sich interessant und machbar anhörten. Im Kleingedruckten stand bei den sonstigen Kosten: Für Frauen ca 30-35 Euro für landestypische Kleidung (Sari). Da habe ich dann erst einmal geschluckt - und zwar nicht wegen des Preises.

Hier kommt der Brückenschlag zu Überschrift - was ist wichtig?

Wenn ich als erkennbare biologische Frau einen solchen Einsatz machen möchte - dann muss ich mir eben einen Sari anziehen. Ich habe mich gefragt ob das ein Problem für mich ist - ob dies meine Person tangiert.

Ist es mir wichtiger ein paar Ziele in meinem Leben zu erreichen, vielleicht auch etwas bewegt zu haben - oder ist es mir wichtig, dass mein Nachbar sieht, dass ich ein Mann bin?

Würde ich für eine Testosterontherapie die Option einen Auslandeinsatz zu machen in den Wind schreiben, wenn ich wüsste, dass dies bei der Beurteilung der Tropentauglichkeit ein Problem darstellt(Schon alleine die Medikamentenlagerung könnte ein Problem sein) oder würde ich in den sauren Apfel beißen eben irgendwie eine Frau zu sein -wenn´s von außen eben nun mal so aussieht?


Ich finde diese Fragen nicht nur relativ wichtig - ich halte sie für Fragen von immenser Bedeutung, selbst dann, wenn das eine das andere nicht ausschließt.
Beantworten kann ich sie heute nicht, aber auf die ganz lange Bank schieben möchte ich sie auch nicht.

Kommentare:

  1. Grüss dich.

    Wenn dir das wichtig ist, kannst du den Sari ja wie eine Art uniform sehen. Ist er z.B. in Indien nicht auch für Männer üblich?

    Ein Bekannter von mir war mal als Entwicklungshelfer tätig und meint er hätte ihn gerne getragen, sehr bequem - nur einmal wurde es peinlich, als ihm jemand versehentlich auf einen Zipfel stand und er plötzlich nackt da stand.

    Eine andere Möglichkeit wäre sicher, hilfe in unseren Breitengraden zu leisten.

    AntwortenLöschen
  2. Ich denke ich könnte problemlos den Sari tragen und es eben als Arbeitskleidung sehen... es ist nur der Aufhänger für die eigentliche Frage: Was ist mir wirklich wichtig, wo setzte ich meine Prioritäten, welchen Träumen und Zielen gebe (oder gäbe) ich Vorrang?

    AntwortenLöschen
  3. Spannend, wie ein völlig anderes Thema aus deinem Leben sich mit einer so wichtigen Frage für dich verknüpft. Wo es klar wird, dass eben genau das dein Thema zu sein scheint, um das du dich momentan kümmern solltest.

    Und zur Entwicklungshilfe:
    Damit liebäugel ich ja schon seit meiner Jugend- und auch während der Ausbildungszeit. Kann deinen Traum/Wunsch deshalb gut verstehen. Ein früherer Stationsarzt aus der hiesigen Klinik war schon zweimal für "Ärzte ohne Grenzen" unterwegs und ich hab seine Briefe aus der Ferne damals mit Neugier verfolgt.
    Ich nehme an, dass das für mich ein Traum bleiben wird. Selbst wenn meine Jungs irgendwann alt genug sein werden, werde ich wohl andere Träume verwirklichen, die jetzt noch warten. Konstitutionell wäre ich vermutlich auch gar nicht für Entwicklungshilfe geeignet.

    Einen ganz lieben Sonntagsgruß - ich denke öfters an dich und rufe dann nicht an, weil ich mir wegen der Schichtdienste Gedanken mache ...
    C.

    AntwortenLöschen
  4. Das Leben ist ein Netzwerk - alles ist irgendwie miteinander verknüpft auch wenn man manchmal meint, man könne unabhängige Baustellen aufmachen. Und so ab und zu wird mir das auf ganz unbequeme Art bewusst.

    AntwortenLöschen