Dienstag, 4. September 2007

Ent-diskriminierung

Heute hatte ich ein Vorgespräch zu einer Weiterbildung, die ich demnächst beginnen werde. Es ging um Vertragliches und den Ablauf, die Vorbedingungen, die Ziele.

Ein Satz klingelt mir noch immer in den Ohren - inhaltlich wie folgt:

"Ja, wir Frauen müssen auch gucken, dass unsere Karriere in Schwung kommt. Die jungen Männer im Beruf drücken nach, da muss man schon schauen, dass man sich entsprechende Stellen sichert, die gibt es ja nicht wie Sand am Meer"

Da saß ich , mit einer Frau - ein wenig älter als ich - und war erstmal irgendwie völlig vor den Kopf gestoßen. Ich hab dann dümmlich "ja ja" gesagt und genickt. Nachgedacht habe ich erst auf der Fahrt nach Hause.

Wer wird jetzt diskriminiert?
Wer fühlt sich diskriminiert?

Dieses "schnell zugreifen" bevor ein junger Mann es tut - obwohl der Beruf immer noch eher ein Frauenberuf ist - ist eine Diskriminierung von Männern - oder von jungen Frauen, weil man es denen nicht zutraut, dass sie nach den Sternchen greifen?
Diskriminiert fühlte sich aber die Sprecherin - dem "Wegschnappen der besten Jobs" durch die jungen Männer ausgeliefert, so dass das ganze Wissen und die Erfahrung einer älteren(?) Frau nötig ist, um dem zuvorzukommen?

Ich bin mir nicht sicher, ob mir dieser Satz auch vor ein paar Monaten schon so aufgefallen wäre, oder ob ich in frisch fröhlicher Frauensolidarität gelacht und zugestimmt hätte. Ich weiß auch nicht, ob meine Beschäftigung mit meiner männlichen Seite eine Rolle spielt - oder jenes schon erwähnte Buch über das Schubladendenken. Wahrscheinlich beides.

Auch in der Emma - die ich für ein stark gefärbtes aber trotzdem sehr wichtiges Blatt in Deutschland halte - fand ich letztens einen männerdiskriminierenden Satz, der bestimmt nicht so beabsichtigt war, aber ein klares Bild schafft und gleichzeitig die Frauen noch einschränkte.
Es ging um Nahverkehr, und dass dieser sich an der arbeitenden Bevölkerung orientiert und die Frau mit Kindern, oder die ARbeitslose aufgrund schlechter Streckenführung und ausgedünnter Fahrpläne eigentlich chancenlos ist, in angemessener Zeit irgendwo anzukommen.
"Dann müssen die jungen Frauen abends alleine sich der Gefahr aussetzten und im Dunkeln weite Wege bis nachhause zurücklegen" stand dort sinngemäß.
Aha - Frauen bleibt zuhause, das ist gefährlich (sagten Mama, Papa und der Nachbar auch schon) - und draußen sind gefährliche Männer (selbst wenns nicht da steht). Frauen sind Opfer, Männer sind Täter - nunja, das ist eines der Schemata der Emma, auch wenn es häufig stimmt.

ABER die meisten Männer sind keine Täter, lauern keinen jungen Mädchen auf, stalken keiner Frau hinterher, schlagen ihre Ehefrauen nicht

UND die meisten jungen Mädchen werde nie auf dem Nachhauseweg überfallen - es ist wesentlich wahrscheinlicher, dass sie auf dem Nachhauseweg von der Disco einen Autounfall haben, an dem dann (Vorurteil oder Tatsache?) wahrscheinlich ein junger alkoholisierter Mann beteiligt ist - was durchaus ein Grund wäre den öffentlichen Nahverkehr auszubauen - zur Sicherheit für junge Frauen und junge Männer.

Ich bin mir auf meiner Urlaubsfahrt auch zum ersten Mal der Vorteile als Frau, die ich aufgrund von Vorurteilen habe, irgendwie unangenehm bewußt geworden - obwohl ich es trotzdem angenehm fand, dass am Zoll niemand was von mir wollte ( alleine reisende Frauen schmuggeln nicht, haben nie falsche Papiere, begehen keine Verbrechen, klauen keine Autos....).

Somit finde ich dieses Heraustreten aus den alten Denkmustern ziemlich erfrischend. Mir war vorher gar nicht bewußt, dass ich "junge Männer" noch nie als Konkurenz im Job gesehen habe (auch mal schön ein Vorurteil nicht zu haben), obwohl ich weiß, dass Männer in meinem Job überproportional viele Führungsposten bekleiden. Es bereichert mich, mich nicht mehr solidarisch fühlen zu müssen - nicht mit "den" Frauen und sonst auch mit niemand.

Ich glaube ich arbeite weiter daran - an der Entdiskriminierung - in meinem eigenen Kopf damit anzufangen, halte ich für eine gute Strategie

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