Freitag, 20. Juni 2008

Seitenwechsel


In den letzten Tagen haben mich zwei Erlebnisse beschäftigt.

Zum einen ist mir aufgefallen, dass meine Jungs, die mit mir die Weiterbildung machen es endlich aufgegeben haben ihre zweideutigen Bemerkungen oder die "versauten" Witzeleien möglichst dann zu machen, wenn ich nicht anwesend bin. Ein bißchen zwiespältig bin ich da schon, aber da es sich in der Regel nicht um frauenfeindliche Bemerkungen handelt und ein gewisses Niveau zu erkennen bleibt, kann ich damit gut leben. Dort bin ich jetzt so ein bißchen ein "Ehrenkumpel" - obwohl ich eine Frau bin. Ich grinse mal schief dazu - wollte ich das?

Das zweite Erlebnis hat mich mehr beschäftigt und hat mich ziemlich überrascht und auch verunsichert.
Ich habe meine Freundin G. besucht, die ihrerseits Besuch von einer Freundin (S.) mit ihren Kindern hatte. Schön und überraschend war, dass der Sohn (ca.5-6 Jahre) von S. mich gleich mit Beschlag belegt hat und wollte, dass ich ihm Fernseher und Playstation anschalte (nachdem G. das vor meinem Eintreffen abgelehnt hatte, weil keine kindgerechten Spiele vorhanden waren). Außerdem fragte er G. ob der Junge (!) nicht was mit ihm spielen könne. Ich war wirklich erstaunt, die Kinder wirkten nicht irritiert, sie haben über meinen Namen gelacht, weil sie es als zweisprachig aufgewachsene Kinder lustig fanden, dass ich auf türkisch "Pflaume" heiße (na gut dass ich das jetzt auch weiß - autsch) Sie hatten keine Vorinformationen über mich, außer dem Namen und die Verwendung des männlichen Pronomens - und sie wirkten nicht im mindestens irritiert. Ich staune.
Noch überraschend und bei weitem nicht so einfach zu verarbeiten war die Informationen von G. die S. ganz kurz erzählt hatte wer da kommt. Ihre Freundin S. hatte beschlossen ihr Kopftuch aufzuziehen, weil ein Mann ins Haus kommt.
Hier musste ich erst einmal durchatmen und ich bin noch immer nicht so ganz mit verdauen fertig. Meine Einstellung zum Kopftuch ist zwiegespalten, soll aber hier nicht Thema sein. Ich konnte es bei S. als äußerlichen Ausdruch ihres Glaubens und als persönliche Entscheidung gut aktzeptieren.
Der Punkt war viel eher, dass mein Eintreffen eine Frauenrunde "störte". Ich war willkommen, aber nicht als eine der ihren - das ist mir zum ersten Mal passiert. Die Gefühle die ich damit verbinde sind nicht so einfach zu beschreiben. Ich habe mich auf der einen Seite darüber gefreut, dass meine Selbstdefinition auf Akteptanz gestoßen ist - auf der anderen Seite habe ich es bedauert, Anlass gewesen zu sein, dass ein Handeln für S. notwendig wurde. Auch wenn es ihre Entscheidung ist, so hat meine Anwesenheit doch dazu geführt, dass sie eine andere Rolle und eine andere Außendarstellung einnimmt, als dies vor meinem Eintreffen der Fall war. Dazu kam ein leises Bedauern, dass es sich nicht vermeiden lassen wird, dass die Vertrautheit reiner Frauenrunden in meinem Leben seltener wird, sollte ich meinen Weg weitergehen. Ich habe sie oft sehr genossen. Doch trotz des leisen Bedauerns habe ich mich nicht unwohl gefühlt, nur ein wenig unsicher in der ungewohnten Position.

Dieses Erlebenis bei S. war beeindruckend, es hat mich deutlicher auf die männliche Seite des Lebens gestellt, als ich es bisher jemals erlebt habe - es hat in mir meine Eigenwahrnehmung in diesem Moment verändert und es hat eine Distanz zwischen S. und mir geschaffen, die ich als Frau so nie erlebt hätte. Ich werde wohl noch eine Weile darüber nachdenken.

Kommentare:

  1. Vielen Dank für diesen sehr schönen Eintrag! Dass sich durch trans* Zugehörigkeiten ändern ist ja sonst sehr leicht gesagt. Du beschreibst aber sehr schön und nachfühlbar, wie kippelig die veränderten Zugehörigkeiten sind und wie häufig man (? ich zumindest ebenfalls) sich mit "kleineren Übeln" abfindet, um das "größere Ganze" aufrechterhalten zu können. Dass dabei immer wieder neue Verletzungen entstehen und gerade auch die ehemaligen, früher mal sicher gewesenen Räume nicht mehr die passenden sind, ist zwar Teil des Prozesses, tut aber trotzdem manchmal ganz schön weh.

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  2. Das das ein einschneidendes Erlebnis war kann ich mir vorstellen. Das Bild stellt das Gefühl dazu auch beindruckend dar.

    Es grüßt

    Langundo

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  3. Was mich angeht, so war ich in solchen Frauenrunden nie zuhause, allenfalls geduldet. Von daher kann ich diesen Verlust (der auf der anderen Seite einen Gewinn darstellt) so nicht nachvollziehen und finde es gerade deswegen sehr faszinierend, von Dir darüber zu lesen.

    Das macht mir klar, wie glücklich ich mich schätzen kann, von den meisten Männern akzeptiert oder zumindest toleriert zu werden, wenn es sich eben um Männerrunden handelt.

    LG
    Barb

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  4. Meine Frauenrunden waren vielleicht nicht unbedingt die typischen. Nur selten ging es da um typische Frauenklischeethemen - mit denen kann ich nämlich nichts anfangen.

    Männerunden - hm - ich habe immer wieder gute kumpelhafte Freundschaften mit Männern gehabt, und bin von Männern in der Regel als Gesprächspartner aktzeptiert worden.

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