Donnerstag, 19. November 2009

Von der Konstruktion von Geschlecht zum Kaleidoskop

manchmal muss man nur ein Wort hören und ist schon angenervt.

So geht es mir mit der "Konstruktion von Geschlecht".


Ich bin Mensch - in erster und in zweiter und auch noch in 185. Linie. Ich werde Zeit meines kurzen Lebens auf dieser Welt MENSCH bleiben und ich WILL Mensch bleiben.
Von der Sorte Mensch gibt es meines Wissens zwei grundsätzliche Varianten, die dazu dienen bei der Fortpflanzung eine möglichst gute Durchmischung des Genmaterials zu erreichen - und Madame Evolution fand es sinnig dies im Fall von Säugetieren über Männchen und Weibchen zu regeln - und zur Brutaufzucht das Weibchen mit Zitzen auszustatten.

Achja, jetzt bin ich trans-irgendwie und sehe mich als biologisches Weibchen, habe auch geworfen und an meinen Zitzen hat ein Junges gesaugt.
Ansonsten bin ich noch ein kulturelles und sozial geprägtes Wesen mit dem Glück der späten Geburt in Mitteleuropa. Ich verfüge über den unglaublichen Luxus mir darüber Gedanken machen zu können ob ich mich jetzt als Weibchen oder Männchen sehen möchte oder eines bin oder das andere, während mir die Herkunft der nächsten Mahlzeit für mich und meine Brut eher wenig Kopfzerbrechen bereitet, ich muss keine Wintervorräte anlegen und mir trotz meines schon fast greisen Alters keine Sorgen machen ob ich den Winter überstehe.

Ich bin und ich bin nicht (bleibe aber trotzdem Mensch - nur um es nochmal gesagt zu haben).
Ich kann sogar wählen, ob ich meine Diskrepanz die ich fühle äußerlich richtigstelle oder nicht - welche neue Errungenschaft der letzten paar Jahrzehnte.

Konstruiert ist eine Menge - auch eine Menge in dieser Kultur, die Mär vom Einparken und vom Zuhören, die Geschichten von der Venus um vom Mars. Wahre Körnchen mögen sie enthalten und doch spiegeln sie bestenfalls Trends war und sagen über Einzelpersonen gar nichts aus - wie immer bei Tendenzanalysen irgendwelcher Art.
Und jetzt stelle ich fest... ich passe hier nicht und dort nicht - und ich passe hier und dort.... es ist wohl nicht viel mehr dran als an einem Zeitungshoroskop.... es passt halt irgendwie und irgendwie nicht.

Soll ich mir darüber wirklich den Kopf zerbrechen?
Dabei hat mir geholfen mir Menschen anzuschauen, die sich keine Gedanken darüber machen ob Geschlecht konstruiert ist, sondern die für sich einfach davon ausgehen, dass sie prinzipiell so sein können wie sie wollen mit und gegen Klischees - ohne dass sie das - denn es sind ja in der Regel keine Transmenschen - in irgendeinen Konflikt mit ihrem Männchen- oder Weibchensein bringt.

Wieviel weniger sollte es mich also interessieren was Frau tut und Mann nicht, wo ich beides in mir trage, meine weiblichen Gene, mein durch Östrogene geprägtes geliebtes Gehirn, meine Wahrnehmung meines Körpers den ich bewohne (wenn ich nicht gerade in einen Spiegel schaue)?

Lange habe ich nichts geschrieben, vielleicht weil zu viel, vielleicht weil in andere Hinsicht ganz wenig passiert ist - zumindest wenig was sich in Worte fassen lies.
Vielleicht, weil es mir gerade wenig ausmacht beides in mir zu tragen, beides zu sein - und damit so menschlich zu sein, wie alle Menschen um mich herum.
Vielleicht, weil es so selbstverständlich geworden ist, dass meine Menschen um mich herum mich tatsächlich einfach so aktzeptieren wie ich bin ohne mich verbessern zu wollen oder mich in eine Ecke zu schieben. Vielleicht ist es so, weil bei Freunden sein kann und mit ihm fast Männergespräche und mit ihr fast Frauengespräche (falls es soetwas gibt) führen kann.

Es geht mir verdammt gut damit, dass ich mich gerade nicht entscheiden muss, sondern einfach Mensch, Freund, Partner sein kann in dieser männlich-weiblich-sonstwas-bunten Welt.

Nach zwei Jahren gefühlten Geschlechterunterschieden an jede Ecke in die ich blickte, durchmischt und verschiebt sich gerade alles als würde man durch ein Kaleidoskop schauen - und das scheint mir persönlich für mich die richtige und die für mich menschlich am besten passend Sicht auf die Dinge zu sein.

Donnerstag, 2. Juli 2009

To do List

Wir wollen in Urlaub fahren, also ich und die Außenfrau.
Seit Montag habe ich frei und so langsam fällt auch der Alltagsstress von mir ab - um den Prä-Urlaubsstress Platz zu machen.
Auf meiner To-Do-Liste stand und steht noch so einiges.

*Lesestoff besorgen - nahezu erledigt (ich hoffe 10 Bücher reichen)
*Zeltstange ersetzten,Gasflasche tauschen,Plane, Leinen und Häringe (um den Schwund zu ersetzen) - für heute Nachmittag geplant
*Zwei Steuererklärungen machen, komische Formulare für die Rentenversicherung und die Krankenkasse ausfüllen und abschicken - in einem Schreibtischmarathon heute morgen von 7:30 - 13:00 Uhr erledigt (ich bin stolz auf mich)
*Campingutensilien durchschauen und auf Tauglichkeit prüfen - steht noch aus
*Auto erst mal entmüllen - steht auch noch aus
*zwei Überweisungen tätigen - mach ich gleich
*Papiere zusammensuchen (Versicherungsdoppelkarte, Auslandskrankenversicherung...) - oh nein, ich will nicht schon wieder in meinem Chaos wühlen, muss ich aber wohl
*Wohnung in Ordnung bringen - ist ja nix neues
*alle Wäsche waschen die ich mitnehmen will - die Waschmaschine läuft schon heiß
*Adressen von den Campingplätzen rausschreiben, die ich in die nähere Auswahl genommen habe - liegen schon in den Lesezeichen
*lange Packliste abarbeiten - darauf freu ich mich wirklich - mit jedem Stück rückt der Urlaub ein bißchen näher

*mich aufs Meer freuen und auf zwei Wochen Auszeit - aber Hallo, das krieg ich hin.

Dienstag, 30. Juni 2009

Die Außenfrau

Nachdem ich nun schon eine ganze Weile in einschlägigen Foren unterwegs bin, ist diese wunderbare Wortkreation Außenfrau in einer kleinen Trans-Mann Gruppe in einem Forum zu einem völlig anderen Thema aufgetaucht.

Ich habe mich spontan in dieses Wort verliebt:

Außenfrau

Außenfrau beschreibt genau das, was ich sonst in vielen Worten auszudrücken, zu umschreiben, zu erklären versuchte.
Außenfrau ist die Hülle die nicht zum Innenmann passt.

Die Außenfrau ist das mit dem ich lebe, der Körper, den ich mitbekommen habe und für den ich nichts kann - so wie niemand. Es ist die Projektionsfläche meines Inneren - und in diesem Fall eine ungeschickte um dem Innenmann Ausdruck zu verleihen.

Außenfrau beschreibt für mich in liebevoller Weise meinen Körper - den ich damit nicht abwerte, sondern dem ich eine neutrale Bezeichnung geben kann. Außenfrau ist eine Tatsache - aber sie hat nichts damit zu tun, dass sie einen Innenmann beherbergt.

Ich werde dieses Wort in meinen aktiven Wortschatz aufnehmen - es ersetzt die Bezeichungen "biologisch weiblicher Körper" oder "als Frau geboren" und ist dabei weniger "wissenschaftlich" und viel näher an meinem Gefühl.

Ich würde mich freuen wenn dieses Wort in den Sprachschatz von Trans-Menschen Eingang finden würde.

Natürlich auch in der Variante "Außenmann"

Donnerstag, 21. Mai 2009

Genderchaos in den Köpfen

Beim Stöbern in alten Threads eines Forums bin ich auf folgende Aussage gestoßen:

"Erics Weggang bedauere ich SEHR. Ich finde es sehr schade, dass er gegangen ist. Aber meine Wertschätzung für sie endet ja nicht an der Tür.

Mir wäre es lieb gewesen, er wäre geblieben *seufz*"

Ich musste so lachen - mitlachen ist erlaubt.

Montag, 27. April 2009

Eric F.

Er steht zum ersten Mal auf so etwas ähnlichem wie etwas Offiziellem, mein Name.

F▒▒▒▒▒▒, Eric

steht auf meiner Kundenkarte vom Fitnesstudio

Ist es zu fassen wie man sich über etwas so Einfaches freuen kann?

Freitag, 24. April 2009

Relativ unwichtig

Heute hatte ich meine erste Trainerstunde im Fitnesstudio hier am Ort. Ich war da schon mal vor sechs oder sieben Jahren und jetzt will ich es wieder angehen, da ich mich einfach schlapp, schlaff und wabbelig fühle.
Ich habe eine ganze Weile mit mir gehadert, ob ich wieder das Risiko eingehe schlussendlich für ein halbes Jahr für nix zu zahlen und habe mich entschlossen es zu wagen. Irgendwie kommt das Wohlfühlgefühl in meinem Körper nicht vom Nichtstun und wachsen tut ausschließlich der Bauch mit Fleiß über jeden Hosenbund. Auch wenn es objektiv nicht soooo schlimm ist, fühle ich mich doch dauerhaft unwohl.
Also habe ich letzte Woche einen Vertrag abgeschlossen und aus lauter Gewohnheit und ohne darüber nachzudenken habe ich meinen Namen angegeben und im gleichen Moment gedacht... das stimmt doch nicht. Irgendwie stimmt das nicht. Trotzdem habe ich den Mund gehalten und mich noch eine Weile mit der netten Frau am Empfang unterhalten, die auch noch so heißt, wie man mich gelegentlich genannt hat wenn man meinen Namen abkürzt. Brrrrr.

Die letzten Tage habe ich dann dieses Problemchen mit mir rumgetragen, neben all den anderen Dingen die mich beschäftigt haben. Dabei sagte mein Verstand mir es sei doch völlig egal wie man mich nennt und ich bräuchte mir keinen Kopf zu machen und die Leute nicht verwirren. Doch mein Gefühl wollte da nicht mit und fand es gar nicht in Orndung da jetzt mit diesem Namen bekannt zu sein.

Ich habe mir also Gedanken über ein Coming Out gemacht und kam zu keinem Schluss. Gefühl versus Kopf versus Angst. Ich hatte auch noch keine Entscheidung getroffen als ich hineinspazierte, doch als der Trainer sich mir vorstellte: " Ich bin der Marcus" war es ganz einfach einen Kompromiss zu finden. "Ich bin Eric, ich heiße zwar XX, aber meine Freunde nennen mich Eric". "Kein Problem!" sagte Marcus und das Ding war gegessen.

Im Verlauf der Ananmese kam das Thema dann auf Frauen und Männer, Körperfettanteil und ähnliches und ich habe noch eine Bemerkung dazu losgelassen, dass ich mich als nicht so wahnsinnig weiblich sehe und er meinte: "Das hab ich mir schon gedacht." Auf das Anamnese Forumlar schrieb er: Nachname, Vorname Rufname: Eric. (Dreimal unterstrichen)

So einfach kann es sein.

Relativ unwichtig wie man mich jetzt nennt und doch sind Namen nicht nur Schall und Rauch, mir ging es gut bei dieser ersten Stunde.

Donnerstag, 23. April 2009

Relativ wichtig

In den letzten Tagen gab es sehr viele verschiedene Themen, die mich umgetrieben haben - die meisten davon kamen unerwartet auf mich zu.

So blieben zum Beispiel die Unterhaltszahlungen für meine Tochter aus - ich habe das Gespräch mit ihrem Vater gesucht, es war eines von der so unerfreulichen Sorte, dass die 15min mir für's nächste Jahr sicherlich reichen. Das ganze ist ärgerlich - und auch ungerecht - aber die Welt wird davon nicht untergehen - auch nicht meine.

Auf Arbeit erzählte ein Kollege von seinen Einsätzen bei "Ärzte ohne Grenzen" und zeigte in einem weitern Nachtdienst in einer ruhigen halben Stunde eine sehr informative und eindrückliche Präsentation der Arbeit.
Ich denke schon lange daran herum, was ich mit meinem Leben anfange, wenn meine Tochter dann aus dem Haus ist. Ich bin jung schon Elternteil gewesen und habe Verantwortung getragen -ich bin noch jung, wenn ich wieder nur für mich selbst verantwortlich bin. Schon immer schwebte so als vage Idee so etwas wie Ärzte ohne Grenzen in meinem Kopf herum, aber ich habe mich nie genauer informiert, weil die Zeit bis dahin immer so lange schien. Dieser Vortrag hat mich jetzt aus den vagen Träumereien gerissen und das Nachdenken über das was ich mit meinem Leben anfangen will wieder in Gang gesetzt.
Was ich erfahren habe war weitab von romantischem "Helfen" - sondern hatte viel zu tun mit viel Einsatzbereitschaft, viel Realismus und auch einer gehörigen Portion Mut der Heimat und den damit verbundenen Bequemlichkeiten für mehrere Monate den Rücken zuzukehren.

Eine Bedingung um überhaupt bei Ärzte ohne Grenzen arbeiten zu können ist z.B. Reiseerfahrung, womit nicht das 5 Sterne-Hotel auf dem Malediven gemeint ist. Also habe ich ein wenig rescherschiert und bin auch auf einige Angebote für Kurzeinsätze gestoßen. Aufgrund der etwas reduzierten finanziellen Lage (siehe oben) habe ich dies für dieses Jahr ad acta gelegt, zumal es mit Impfungen, Visa und ähnlichem für Ende Juni sowieso etwas knapp geworden wäre. Aber ich möchte es für nächstes Jahr ins Auge fassen - dann kann ich auch meinen Urlaub danach planen.

Eigentlich wiederspricht dies meinen unklaren Vorstellungend davon irgendwie Karriere zu machen - aber ein Hilfseinsatz im Urlaub ist noch keine Verpflichtung irgendetwas weitergehendes in der Richtung zu tun. Vielleicht ist mir danach auch klar, dass ich den Kulturschock, die räumliche und zeitliche Nähe mit anderen in einem Projekt oder einfach das Heimweh auf Dauer nicht verarbeiten kann oder möchte. Aber dann hätte ich zumindest eine Erfahrung gemacht.

Beim Suchen nach solchen Einsatzmöglichkeiten für maximal 4 Wochen bin ich dann auf Kurzeinsätze in Indien gestoßen, die sich interessant und machbar anhörten. Im Kleingedruckten stand bei den sonstigen Kosten: Für Frauen ca 30-35 Euro für landestypische Kleidung (Sari). Da habe ich dann erst einmal geschluckt - und zwar nicht wegen des Preises.

Hier kommt der Brückenschlag zu Überschrift - was ist wichtig?

Wenn ich als erkennbare biologische Frau einen solchen Einsatz machen möchte - dann muss ich mir eben einen Sari anziehen. Ich habe mich gefragt ob das ein Problem für mich ist - ob dies meine Person tangiert.

Ist es mir wichtiger ein paar Ziele in meinem Leben zu erreichen, vielleicht auch etwas bewegt zu haben - oder ist es mir wichtig, dass mein Nachbar sieht, dass ich ein Mann bin?

Würde ich für eine Testosterontherapie die Option einen Auslandeinsatz zu machen in den Wind schreiben, wenn ich wüsste, dass dies bei der Beurteilung der Tropentauglichkeit ein Problem darstellt(Schon alleine die Medikamentenlagerung könnte ein Problem sein) oder würde ich in den sauren Apfel beißen eben irgendwie eine Frau zu sein -wenn´s von außen eben nun mal so aussieht?


Ich finde diese Fragen nicht nur relativ wichtig - ich halte sie für Fragen von immenser Bedeutung, selbst dann, wenn das eine das andere nicht ausschließt.
Beantworten kann ich sie heute nicht, aber auf die ganz lange Bank schieben möchte ich sie auch nicht.